Von Sönke Dannemann | März 2026
Du wachst auf und weißt für einen kurzen Moment nicht, in welcher Stadt du bist. Der Tourbus brummt leise. Irgendwo klappert eine Kaffeetasse. Draußen ist es noch grau, aber irgendwo in Europa scheint die Sonne bestimmt schon auf die nächste Venue. So hat sich jeder einzelne der 40 Tage angefühlt. 31 Shows. 40 Tage. Ein Tourbus. Und ein Job, den ich mir genau so ausgesucht habe.
Anfang 2026 ging es los: Unprocessed als Support auf der großen EU & UK Tour von Jinjer. Für mich als Tour Manager, Kameramann und Fotograf war klar – das wird intensiv. Aber was genau auf uns zukommt, das konnte sich vorher niemand wirklich vorstellen.
Der erste Morgen im Bus
Ich war fast jeden Morgen der Erste, der wach war. Nicht weil ich musste, sondern weil mein Körper nach ein paar Tagen auf Tour einfach seinen eigenen Rhythmus gefunden hat. Aufstehen, Kaffee im Bus machen, dann ein bisschen Bewegung. Dehnen, Stretchen, den Körper in Gang bringen. Nach Wochen im Bus wird das kein Nice-to-have, sondern Überlebensstrategie.
Wenn die anderen noch geschlafen haben, habe ich die Zeit genutzt, um offene Sachen abzuarbeiten. E-Mails beantworten, Bilder vom Vorabend fertig bearbeiten, Advancing für die kommenden Shows checken. Tour Manager heißt eben nicht nur backstage stehen und cool aussehen – es heißt, dass der ganze Laden läuft. Und das fängt morgens um sieben an, wenn alle anderen noch schlafen.

Kaffee, Chaos und der beste Exploring-Buddy
Wenn nach und nach die Jungs wach wurden, bin ich meistens mit Leon losgezogen. Leon war auf dieser Tour mein fester Exploring-Buddy (wie immer eigentlich). Wir haben uns wenn es die Zeit gehgebenen hat, ein cooles Café gesucht und dort gefrühstückt. Klingt unspektakulär, war aber tatsächlich einer meiner liebsten Teile des Tages. Man sitzt in einer fremden Stadt, trinkt guten Kaffee, redet über alles und nichts – und in ein paar Stunden steht man wieder in einer Venue und macht das, wofür man hier ist.
Wenn die Venue mal außerhalb lag, haben der Crew von Jinjer guten Morgen gesagt und in der Venue gefrühstückt. Was danach kam, war meistens ein Mix aus Rumalbern – was auf Tour absolut dazugehört – ein bisschen Sport und bei mir natürlich weiter Fotos und Videos bearbeiten. Zwischen 13 und 14 Uhr ging es dann offiziell los: Laden, Technik rein, Aufbau.

31 Venues – von Oldschool Rock’n’Roll bis Weltruhm
Was diese Tour so besonders gemacht hat, war die schiere Masse an Shows in so kurzer Zeit. 31 Konzerte. Jedes in einer anderen Venue, jedes mit seinem eigenen Charakter. Und die Abwechslung war gigantisch.
Da war Birmingham – eine dieser Venues, bei denen du reingehst und sofort spürst, dass hier schon Hunderte Bands vor dir die Bühne gerockt haben. Die Wände atmen Geschichte.
Und dann Paris. L’Olympia. Eine der Top 10 Rock’n’Roll-Venues auf der ganzen Welt – und ja, das ist keine Übertreibung. Wenn du in einem Raum stehst, durch den Legenden gelaufen sind, und deine Jungs betreten dieselbe Bühne – das macht was mit dir. Egal wie professionell du bist, egal wie oft du das schon gemacht hast. In dem Moment denkst du: Genau dafür mache ich das.

Die Bandbreite der Venues – von total neu und modern bis hin zu Oldschool Rock’n’Roll mit Charakter – hat diese Tour zu etwas gemacht, das sich nie wiederholt hat. Jeder Abend war anders. Jede Stadt war anders. Und genau das ist es, was Touren so besonders macht.


Mein Setup – Was ich jeden Tag durch die Venue geschleppt habe
Für alle, die es technisch interessiert: Mein Hauptsetup fürs Filmen war die Sony FX3 mit dem 28-70mm f/2.0 – ein Beast von einer Kombination, die mir in jeder Lichtsituation das gegeben hat, was ich brauchte. Als Backup hatte ich die Sony FX30 dabei, die wir ab Irland auch tatsächlich genutzt haben, um die komplette Show als Totale aufzuzeichnen. So konnten die Jungs sich hinterher selbst analysieren – was lief gut, was nicht.
Kleiner Funfact dazu: Eigentlich hatte ich für genau diesen Zweck meine Blackmagic Pocket 4K dabei. Inklusive Monitor, der am FOH stehen sollte, damit die Jungs selbst auf Record drücken können und die Dateien nicht zu groß werden. Schöner Plan. Bis ich die Kamera in Irland vergessen habe. Sie liegt dort tatsächlich immer noch und wartet darauf, den Weg zurück nach Mannheim zu finden. Wenn ihr also wissen wollt, wie schwer es ist, eine Kamera aus Irland nach Deutschland schicken zu lassen – es ist eine logistische Meisterleistung. Ich arbeite dran.

Fotografiert habe ich die Shows mit der Sony A7IV. Und für alles dazwischen – die spontanen Momente, das Rumalbernen, die kleinen Dinge, die eine Tour ausmachen – hatte ich meine Fujifilm X100VI immer um den Hals hängen. Die Kamera war mein ständiger Begleiter, immer bereit, wenn irgendwas Lustiges, Schönes oder Besonderes passiert ist.
Ein Tag auf Tour – Die Show
Zwischen 13 und 14 Uhr wurde es ernst – oder zumindest ernster. Die Jungs haben ihre Technik reingebracht, aufgebaut, Soundcheck gemacht. Ich war währenddessen mit der Kamera unterwegs, habe den Aufbau dokumentiert, die Jungs bei der Arbeit fotografiert und gefilmt. Dazwischen E-Mails, Abstimmungen mit der Venue, letzte Details für den Abend klären. Tour Manager halt.
Nach dem Soundcheck kam die Pause. Und die konnte je nach Showtime alles sein – von zwei bis vier Stunden. Die haben wir alle unterschiedlich genutzt. Sport, Telefonieren mit der Partnerin, mit den Jungs abhängen, schlafen oder eben weiter am Laptop sitzen und Content bearbeiten. Langeweile gab es nie, aber manchmal brauchte man auch einfach mal eine Stunde für sich.
Und dann die Show. 31 Mal auf der Bühne stehen – beziehungsweise davor, daneben, dazwischen. 31 Mal die Energie spüren, wenn die ersten Töne den Raum füllen. 31 Mal versuchen, genau den einen Moment einzufangen, der diesen Abend von allen anderen unterscheidet.


Nach der Show ging es direkt in den Abbau. Und ich direkt an den Laptop. Mein Anspruch: Die Jungs sollen die ersten Bilder so schnell wie möglich haben. Also saß ich oft noch im Backstage oder schon im Tourbus und habe die besten Fotos des Abends rausgesucht, bearbeitet und geschickt. Danach noch ein bisschen zusammensitzen, eine Kleinigkeit trinken, reden – und dann ins Bett. Am nächsten Morgen aufwachen, neue Stadt, gleiches Spiel. 40 Tage lang.
Die Menschen, die eine Tour ausmachen
Man kann über Venues, Technik und Setlists reden, so viel man will. Am Ende sind es die Menschen, die eine Tour unvergesslich machen. Oder eben nicht.
Bei uns war es das Erste.
Die Jungs von Unprocessed sind nach mittlerweile mehreren gemeinsamen Touren nicht mehr einfach nur Kollegen oder Kunden. Sie sind wie Brüder, die ich nie hatte. Das klingt vielleicht pathetisch, ist aber einfach so. Wenn du 40 Tage auf engem Raum zusammenlebst, jeden Tag gemeinsam arbeitest, zusammen feierst und zusammen die anstrengenden Tage durchstehst – dann entsteht etwas, das über eine normale Arbeitsbeziehung hinausgeht.



Und auf dieser Tour ist noch ein Großteil der Crew dazugekommen, die ich genauso ins Herz geschlossen habe. Alles tolle Menschen, deren Arbeit mich jeden Tag beeindruckt hat. Keine Dramen, keine Egos, einfach eine Gruppe von Leuten, die ihren Job lieben und füreinander da sind.
Den Tourbus haben wir uns mit der Band Textures geteilt. Und Joe, der Gitarrist, hat einen Satz zu mir gesagt, der mir bis heute nicht aus dem Kopf geht: „Sönke, du wirst immer Familie in Holland haben.” Das klingt nach einer Kleinigkeit. Ist es aber nicht. Auf Tour, weit weg von zu Hause, zwischen Shows und Schlafmangel – solche Worte bedeuten unglaublich viel.
Was Joel unser LD außerdem immer mal wieder getan hat: Er wollte uns unbedingt zeigen, wie Reiche den Sekt aufmachen. Wer das genauer wissen will – bitte direkt an Joel wenden. Ich sage nur so viel: Es war jedes Mal ein Erlebnis. (Wenn es funktioniert hat)
Jinjer – Professionalität auf höchstem Niveau
Mit Jinjer selbst – also der Band – hatten wir als Crew ehrlich gesagt gar nicht so wahnsinnig viel direkten Kontakt. Das ist auf Tour mit Headliner und Support auch völlig normal. Wir haben mehr mit deren Crew zu tun gehabt, und das war durchweg großartig.
Am vorletzten und letzten Abend habe ich dann das erste Mal länger mit dem Schlagzeuger von Jinjer gesprochen. Mit Tatiana habe ich kaum bis gar nicht geredet – was aber völlig okay ist. Dafür mehr mit Roman und Eugene. Alles unglaublich begnadete Musiker, alle total freundlich. Und was ich besonders geschätzt habe: Es war auf allen Ebenen super professionell. Kein Bullshit, klare Ansagen, gegenseitiger Respekt.
Einen Menschen muss ich besonders erwähnen: Mitch, der Stage-Manager und Drum-Tech von Jinjer. Mitch hat bei uns allen aus der Unprocessed-Crew einen riesigen Platz im Herzen gewonnen. Ein unglaublich lieber Mensch, den einfach alle sofort gern hatten. Solche Leute machen den Unterschied auf einer Tour.
Was ich gelernt habe
Jede Tour lehrt dich etwas. Manche Sachen technisch, manche menschlich. Hier sind meine größten Takeaways:
Kommunikation ist alles. Wenn irgendwo Spielraum für Interpretation gelassen wird, interpretiert jeder anders. Und das ist nicht unbedingt gut. Klare Ansagen, klare Absprachen. Lieber einmal mehr nachfragen als einmal zu wenig.
Der Headliner hat das Sagen. Punkt. Das ist eine Regel, die jeder kennt, aber die man manchmal trotzdem unterschätzt. Es gab ein, zwei Situationen, in denen wir als Crew etwas anders entschieden haben, als es mit dem Headliner kommuniziert war. Kein Ärger, aber ein klares „Hey, war nicht cool, nächstes Mal bitte nicht.” Lesson learned. Respekt gegenüber dem Headliner ist nicht optional – es ist die Grundlage, auf der alles funktioniert.
Eine Kamera in Irland zu vergessen, ist ein Problem. Ein logistisches, ein finanzielles und vor allem ein emotionales. Sie liegt immer noch dort. Ich werde berichten, wenn sie wieder zu Hause ist.
Was bleibt
40 Tage. 31 Shows. Tausende Fotos. Stunden an Videomaterial. Und Erinnerungen, die kein Content der Welt einfangen kann.
Diese Tour war mehr als ein Job. Sie war eine Bestätigung dafür, warum ich das mache. Nicht wegen der Venues – obwohl L’Olympia schon verdammt geil war. Nicht wegen der Technik – obwohl die FX3 mit dem 28-70er einfach eine Waffe ist. Sondern wegen der Menschen. Wegen der Momente zwischen den Momenten. Wegen Leon und dem Kaffee in fremden Städten. Wegen Joe und seiner Holland-Familie. Wegen Mitch und seinem großen Herzen. Wegen 31 Abenden, an denen die Bühne gebebt hat.
In ein paar Wochen geht es weiter – USA Tour mit Unprocessed. Neues Land, neue Venues, neue Geschichten. Aber diese Tour hier? Die bleibt. Für immer.

Videos von der Tour
Wer noch tiefer eintauchen will – hier gibt es bewegte Bilder:
Danke an die gesamte Unprocessed-Crew, an die Jungs von Textures, an Jinjer und ihre Crew und an jeden einzelnen Fan, der bei einer der 31 Shows dabei war. Ihr macht das alles möglich.
Fotos: Sönke Dannemann / Dannemann Media & Shah Talifta @gen_prokyror